Pater Viktrizius Weiß

Einer, der die Liebe zu Gott und den Menschen vollkommen zu leben suchte
- Mittelmäßigkeit ist nicht mein Weg (aus dem Tagebuch des gottseligen Viktrizius Weiß)


Er hatte keine Stigmata wie etwa Franz von Assisi. Auch war er kein Kirchenreformer oder ein Kämpfer gegen das Unrecht. Er war einer von uns, uns nahe, ein Mensch, der jedoch versuchte, das Gewöhnliche, das Durchschnittliche im Alltag heiligmäßig zu leben. Er war einer, der seinen Dienst ernst nahm, treu das Alltägliche mit Zuverlässigkeit zu erfüllen suchte. Mittelmäßigkeit ist nicht mein Weg. So sagte einmal Viktrizius Weiß. Er gehört neben Bischof Wittmann, Frater Eustachius Kugler und dem kleinen Bernhard Lehner zu den aussichtsreichsten Seligsprechungskandidaten aus dem Bistum Regensburg.

Sein Vater war ein begabter Chirurg in Eggenfelden, wo am 18. Dezember 1842 Anton Nikolaus Weiß geboren wurde, der spätere Pater Viktrizius. Zu Hause gab es nur einen bescheidenen Wohlstand - Anton hatte neun Geschwister -, es gab aber viel menschliche Wärme und ein Herz für die schlechter Gestellten: Vor allem an Sonn- und Feiertagen schickte man die Kinder zu den Armen in der Umgebung und gab ihnen eine warme Mahlzeit mit. Der schüchterne, nicht sehr robuste Anton war in Landshut auf dem Gymnasium. Seine Mitschüler mochten ihn, weil er ausgesprochen hilfsbereit war und vor den Unterrichtsstunden bereitwillig sämtliche Lücken in den Hausaufgaben ausfüllte, wenn sie ihn baten.

In der Familie war darüber gesprochen worden, ob Anton nach seinem hervorragenden Abitur Medizin studieren solle. Doch er entschied sich für den Priesterberuf.

1861/62 verbrachte er zwei Semester in München, wo ihn neben der Theologie auch Philosophie und Geschichte interessierten. Aber die leidenschaftlichen Diskussionen zwischen Konservativen und Aufklärern machten dem frischgebackenen Studenten aus dem kleinstädtischen Milieu eher Angst. Er wechselte nach Freising, wo im Priesterseminar eine viel ruhigere Atmosphäre herrschte. 1866 dort im Dom zum Priester geweiht, fand er seine erste Anstellung als Kaplan in München Schwabing, wo ihn die Leute recht gern hatten. Seine Ausstrahlung vereinte Intellekt und Herzlichkeit, vornehme Ruhe und aufmerksame Zuwendung. 1869 wurde er als Präfekt und Dozent an das Freisinger Priesterseminar berufen, wo er auch an seiner Promotion arbeiten konnte. Seine Doktorarbeit erhellte Liturgie und Frömmigkeit der frühen afrikanischen Kirche und erhielt eine glänzende Beurteilung. Den Seminaristen sollte er Homiletik (Predigttechnik) beibringen, was ihm wegen seiner schwachen Stimme nicht gerade leicht fiel; bei der ersten Vorlesung begrüßte er sie mit den Worten: "Ich komme mir vor wie ein Vogel, der anderen Vögeln das Pfeifen lehren soll und es selber nicht kann.“ Wer so unbefangen mit den eigenen Schwächen umgeht, gewinnt sich die Herzen. 

Er half in etlichen Pfarreien aus, saß viel im Beichtstuhl, predigte im Freisinger Dom - und behielt ein waches Auge für die Nöte seiner Mitmenschen. Viele unbemittelte Studenten unterstützte er. Doch richtig zufrieden war er nicht. Er wollte Gott noch näher kommen.

O wie sehne ich mich ins Kloster, wo ich Dich, meinen Herrn Jesus Christus, lieben lernen werde, schrieb er in sein Tagebuch, "wo ich an eine feste Ordnung gebunden sein werde". Er liebäugelte mit Jesuiten und Benediktinern und entdeckte am Ende sein Herz für die Kapuziner, die in äußerster Armut wie der heilige Franziskus Jesus nachfolgen. Sein Arzt warnte ihn, bei dem harten Lebensstil im Kapuzinerorden und seiner schwachen Gesundheit komme ein Klostereintritt dem Selbstmord gleich, aber er ließ sich nicht beirren. 1875, mit 32 Jahren, wurde er in das Burghausener Noviziat der Kapuziner aufgenommen.

Anton Weiß war jetzt ein schlichter Klosternovize. Als er die zeitlichen Gelübde abgelegt hatte, schickte man ihn nach Eichstätt, wo die Patres eine Art mobiler Reserve für die Seelsorge bildeten. Gottesdienst- und Predigtaushilfen in allen möglichen Stadt- und Dorfkirchen, strapaziöser Beichtdienst, beschwerliche Reisen über das Land, Sammelfahrten von Bauernhof zu Bauernhof. Doch schon drei Jahre nach seinem Ordenseintritt versetzte man Pater Viktrizius, so jetzt sein Ordensname, nach Burghausen, als Gehilfen des Novizenmeisters der Kleriker. Die nächsten Stationen. Vikar in Eichstätt, Guardian im Kloster Laufen. 1884 wählte man ihn zum Provinzial der bayerischen Kapuziner, und dieses verantwortungsvolle Amt versah er, getragen vom Vertrauen seiner Mitbrüder, fünf Wahlperioden lang. In die Amtszeit von Viktrizius Weiß fallen die Einrichtung eines Seminars für die unteren Gymnasialklassen in Burghausen, die Übernahme etlicher Klöster in Vilsbiburg, Passau, München und in der Pfalz (im Kulturkampf mussten Jesuiten und Redemptoristen Deutschland verlassen und andere Orden ihre Aufgaben übernehmen), der Bau des Altöttinger Franziskushauses, von dem die deutsche Exerzitienbewegung ausgehen sollte, und die Erfindung des Seraphischen Liebeswerkes, das gefährdeten Kindern und Waisen ein Heim und eine Ausbildung bot. Außerdem bereitete Pater Weiß die Niederlassung der bayerischen Kapuziner in Chile vor, wo sie eine Indianermission übernahmen.

Unter all diesen Belastungen verlor Viktrizius Weiß nie seine Ruhe. Er habe sehr umsichtig und sachgerecht entschieden und seine Führungsqualitäten sensibel ausgeübt, erinnern sich seine Mitbrüder. Nie habe er herrisch befohlen, sondern freundlich gebeten. Man ging von ihm immer besser weg, notierte jemand, und ein anderer weiß zu berichten, wenn man den Provinzial in seinem Amtszimmer aufsuchen musste, dann habe er einen so freudig und liebevoll empfangen, dass man meinte, er habe schon lange auf einen gewartet. Ein angesehener Mitbruder, der aus dem priesterlichen Dienst ausschied, erinnert sich, während alle ihn mieden wie die Pest, sei Viktrizius der einzige gewesen, der sich um ihn gekümmert habe.

Mit 66 zog sich der schwerkranke Provinzial in das Kloster Vilsbiburg zurück, wo er anfangs noch vier oder fünf Stunden am Tag im Beichtstuhl saß und in der Wallfahrtskirche predigte. Noch als Achtzigjähriger stand er um viertel vor fünf auf, um Betrachtung zu halten und die Frühmesse zu feiern. Fast taub und am Ende völlig blind, von einem schweren Blasenleiden, Herzbeschwerden, Hämorrhoiden, Magenkrankheiten, geschwollenen Füßen und ständig aufbrechenden Geschwüren am ganzen Körper gequält, versuchte er doch bis zum Schluss in der Seelsorge mitzuarbeiten. Einen so verfallenen Körper, wie ihn Pater Viktrizius umherschleppte, habe ich nie gesehen, urteilte ein erfahrener Krankenhausseelsorger. Aber wenn ihn mitleidige Seelen nach seinem Befinden fragten, antwortete der gute Pater Viktrizius bloß beiläufig: "Es ist schon zu ertragen!“ Mehr Sorgen bereitete ihm der Gedanke, er könne schlecht gelebt haben und vor dem Richterstuhl Gottes nicht bestehen.


Am 8.Oktober 1924 war es soweit. Im Alter von fast 82 Jahren starb Viktrizius Weiß im Vilsbiburger Kloster Maria Hilf. Beim Begräbnis im Klosterfriedhof gestand sein alter Freund, der Regensburger Bischof Antonius von Henle, er habe ein sonderbares Gefühl: Nämlich wenn ich anfangen will, für ihn zu beten, reißt es mich weg, und ich muss immer zu ihm beten! Drei Jahre danach wurde der Sarg in die Wallfahrtskirche Maria Hilf übertragen und dort im rechten Seitenschiff beigesetzt.

Der diözesane Vorbereitungsprozess für eine Seligsprechung ist 1954 abgeschlossen worden; 1979 erklärte die zuständige Kardinalskommission in Gegenwart des Papstes, Viktrizius Weiß habe sein Leben, wie es im Seligsprechungsverfahren immer heißt, heroisch geführt - eine wichtige Voraussetzung für den offiziellen Prozess, der in Rom geführt werden muss. Die bayerischen Bischöfe haben 1983 bei ihrem Ad-limina-Besuch Johannes Paul II. jedenfalls gebeten, Viktrizius Weiß, Rupert Mayer, Edith Stein und die Arme Schulschwester Theresia Gerhardinger selig zu sprechen. Der Kapuzinerpater Weiß ist bekanntlich der einzige aus dieser Liste, bei dem der Papst den Wunsch aus Bayern noch nicht erfüllt hat.